Magdeburg l Frech, verwegen und kreativ müssen (Puppen-) Theaterleute sein, um die über die Jahrhunderte in vielen Fassungen erzählte Helden-Sage auf den Kopf zu stellen. Ehrfurcht vor dem mehr als 800-jährigen kulturellen Erbe ist abgelegt. Die Inszenierung von Regisseur Florian Kräuter erzählt eine ganz eigene „Helden“-Geschichte. Siegfried ist ein kleines Handpüppchen, der Nibelungenschatz ist nicht im Rhein versenkt, sondern liegt in der Sickergrube eines Plumpsklos.

„Scheiße“ war sein erstes Wort. Zwergenkönig Alberich, der Bewacher des Nibelungenschatzes, sitzt auf dem Klo und zählt die Zeit mittels Anzahl erschlagener Fliegen. Bühnenbauer Ingo Mewes hat nach Vorstellungen des Regisseurs ein hölzernes Örtchen in die Bühnenmitte gezimmert. Die clevere Konstruktion erlaubt, auch an den späteren Schauplatz, an den Hof der Burgunden, zu führen.

Suche nach einer Toilette

Zunächst kommt Siegfried daher, verzweifelt auf der Suche nach einer Toilette – in aller Jämmerlichkeit, in die ein dringendes Bedürfnis versetzen kann. Puppenbauer Janusz Debinsky hat Kontraste geschaffen. Siegfried ist kein muskelbepackter Souverän. Er ist ein kleines Menschlein. Gegenüber dem thronenden Zwergenkönig in Unterhose und mit Fliegenklatsche macht er sich schwach und klein und unscheinbar aus. Kein Schwert, nichts. Siegfrieds Ärmchen sind Finger und Daumen des Puppenspielers, was der Figur beim Gestitkulieren Linkisches verleiht.

Witz statt Pathos

Flugs wird die Drachengeschichte eingebaut – sehr zum Amüsement des Publikums. Der Drache ist eine alte Mini-Kröte, der Siegfrieds Nieser, ein kräftiges „Hatschie“ den Kopf abtrennt. „Das habe ich nicht gewollt“, entfährt es dem Drachentöter bedauernd. Siegfried – kein Held.

Wunderbar karikiert sind die Burgunden Gunther, Gernot und Giselher. Drei dickbäuchige Handpüppchen sitzen am Frühstückstisch und studieren die Klatschpresse. Gunther, dem Armen, schieben sie zu, den König zu geben und Brunhild, die wilde Walküre aus Island zu freien. Das Publikum amüsiert sich köstlich über die Wettkampfszenen, die Siegfried für den Versager Gunther siegreich gestaltet. Herrlich, wie die riesenhafte Xanthippe Brunhild ihren winzigen Ehemann des Bettes verweist. Die Lacher der Zuschauer begleiten die Szenerie. Sehr schöne Idee, von der sagenumwobenen Tarnkappe abzusehen und statt dessen Brunhilde liebesfördernde Pheromone zu verpassen, um sie im Bette gefügig zu machen. Überhaupt sind im Stück unzählige neckische Einfälle zu belachen – sprachlicher Ausflug ins Mittelhochdeutsche, kriegerische Auseinandersetzungen mittels Spielzeugautos, auf die Schippe genommene Szene einer Pressekonferenz und die Party der Nibelungen. Diese Siegfried-Story macht Spaß, wenn auch der tödliche Ausgang für Siegfried bleibt. Fürs Meucheln wird allerdings nicht ein lindenblattförmiges Loch in seiner Drachenhornhaut genutzt. Die ganze Burgunden-Bande ist auf andere Art brutal. Die Rache ist furchtbar. Kriemhild kommt mit der Kettensäge –klingt martialisch, ist aber lustig anzuschauen.

Leidenschaft im Spiel

Die Puppenspieler Freda Winter, Leonhard Schubert und Lennart Morgenstern leisten hervorragende Arbeit. Unentwegte Wechsel in der rasanten Story meistern sie konzentriert, ohne Leichtigkeit einzubüßen. Mit ganzer Leidenschaft, mit Stimme und Spiel verleihen sie ihren Puppen Charakter, zeigen Kriemhilds auch mal laszive Seite und Hagens Verschlagenheit.

Die Siegfried-Story in eine Aufführungszeit von einer Stunde und 15 Minuten zu packen, ist eine Kunst an sich. Witz statt Pathos, Karikaturen statt Helden, Kreativität statt Treue zum Text der Legende - „Siegfried“ am Puppentheater Magdeburg unterhält und hinterfragt zugleich die in schwierigen Zeiten aufkommenden Sehnsüchte nach „Helden“, nach „Führenden“, die mit einfachen Lösungen die Probleme dieser Welt lösen. Das Stück ist für Menschen ab 16 wärmstens empfohlen.

Für die Vorstellungen am 5. und 6. November sind noch Karten erhältlich.